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Gemeinsame Stellungnahme des Bundes der Freien Waldorfschulen und der Medizinischen Sektion am Goetheanum zur Covid-19-Pandemie

Hamburg/Dornach, 11.05.2020, HKU: Covid-19 hat innerhalb eines Vierteljahres das öffentliche Leben auf der ganzen Welt verändert. Das betrifft das Bildungswesen von den Kindergärten bis zu den Hochschulen, es betrifft das weitgehend stillstehende Kulturleben, es betrifft das in eine Rezession gestürzte Wirtschaftsleben und es betrifft temporäre Einschränkungen von Grund- und Freiheitsrechten, die zum Jahreswechsel allenfalls in autoritären Staaten vorstellbar waren.

Verbunden mit den Existenzsorgen und der Überforderung vieler Familien durch die notwendige Kinderbetreuung, führt das zu einer wachsenden Verunsicherung. Depressionen, Alkoholkonsum und häusliche Gewalt nehmen zu, während zugleich die Rufe nach weiteren Lockerungen der Schutzmaßnahmen immer lauter werden. Die öffentliche Debatte über das richtige Maß und die Balance zwischen wirtschaftlichen Existenzfragen, Grundrechten und medizinisch notwendigen Einschränkungen nimmt an Schärfe zu. Kurz: Wir leben in einer Ausnahmesituation, die zugleich eine wunderbare Gelegenheit ist, neue Wege zu entdecken.

Die Medizinische Sektion am Goetheanum und den Bund der Freien Waldorfschulen erreichen täglich Anfragen, die sich auf alle hier genannten Themenfelder beziehen. Angesichts der Dynamik, mit der das Virus erforscht sowie Schutzmaßnahmen angeordnet, verändert oder wieder aufgehoben werden, ist auch dieser Text eine Momentaufnahme. Wir haben uns dennoch zu seiner Veröffentlichung entschlossen, um einige Gesichtspunkte aus der Perspektive der anthroposophischen Medizin und Pädagogik in diese notwendige, aber polarisierte Debatte einzubringen.

 

Charakteristik des Krankheitsbildes

Im Bewältigen der COVID-19-Pandemie ist es hilfreich, das Krankheitsbild kurz zu charakterisieren. Das SARS-CoV-2-Virus ist möglicher Auslöser, die Disposition des Infizierten ist entscheidend dafür, ob es überhaupt zu Krankheitssymptomen kommt (bei ca 75 %) und ob es zu einer schwer, sehr schwer oder tödlich verlaufenden Erkrankung (wahrscheinlich weniger als 0,5 % aller Infizierten) kommt. Bei Kindern löst das Virus nur in seltensten Fällen lebensbedrohliche Verläufe aus. Auch die Ansteckungsgefahr für Erwachsene ist bei ihnen gering. Bei Erwachsenen und älteren Menschen sind bei schwerem Krankheitsverlauf Atemwege und Blutgefäße gleichermaßen betroffen. Dabei spielen Vorerkrankungen in diesem Bereich eine wichtige Rolle. Ebenso aber auch die innere Anspannung, mangelnder oder gestörter Schlaf, Nikotingenuss und vieles mehr, was das menschliche Immunsystem und die atmende Mitte schwächt. Es gilt deshalb, diese präventiv zu stärken und bei allen, auch den nur leicht Erkrankten angemessen zu schonen und zu unterstützen.

 

Präventiver Blick nach vorne

Ein gesunder Tagesrhythmus und eine vollwertige Ernährung sind jetzt für alle wichtig. Das Vorbild des Erwachsenen ist dabei von zentraler Bedeutung und die Verlangsamung des Lebens eine Chance. Mit dieser Stellungnahme blicken wir nicht zurück, sondern nach vorne. Aus unserer Sicht, die wir mit kinder- und jugendärztlichen Fachgesellschaften teilen, gilt es jetzt, den Besuch von Kindertagesstätten, Kindergärten und Schulen insbesondere im Grundschulalter unter entsprechender Beobachtung allen Kindern möglichst rasch zu ermöglichen. Da die Kontakte im Kollegium, mit den Schülern und Kleinkindern zunehmen werden, gilt es zunächst die Angst unter Lehrer:innen und Erzieher:innen offen anzusprechen. Es erscheint vernünftig, dass sich alle Pädagogen selbst so schützen, dass sie rechtliche Vorgaben einhalten und sich selbst möglichst sicher fühlen. Bei deutlichen Risikokonstellationen sollte Rücksicht genommen werden. Sind es doch die Erwachsenen, die es vorrangig zu schützen gilt, nicht die Schüler und Kleinkinder. Zur Sicherheit können ein funktionsfähiger Mund-Nasen-Schutz des Erwachsenen und eine Brille beitragen, ebenso das Händewaschen mit Seife, während von Desinfektionsmitteln abzuraten ist. Diese schwächen die Oberschicht der Haut, ohne ein wesentliches Mehr an Sicherheit zu vermitteln. Die Kinder sollten an das regelmäßige Händewaschen gewöhnt und vom eigenständigen Gebrauch von Desinfektionsmitteln, schon aus Sicherheitsgründen, ferngehalten werden. Infizieren sie sich, erwerben sie meist ohne schwere Krankheit eine Immunität, die dazu beitragen kann, Infektionsketten zu unterbrechen. Allerdings ist es wichtig, dass alle erkrankten Kinder konsequent zuhause bleiben und in dieser Zeit angemessen betreut werden.

 

Beziehung und Resonanz

Es kommt jetzt darauf an, die Beziehung und Resonanz mit den Kindern pädagogisch zu stärken. Dafür ist eine angstfreie, Vertrauen und Wärme vermittelnde Grundhaltung die Basis, die einer entsprechenden inneren Vorbereitung bedarf. Die Erlebnisse der Kinder in den letzten Monaten gilt es zu verarbeiten, im Spiel, in künstlerischen Aktivitäten wie z.B. dem Malen und im Erzählen. Eine wesentliche seelische und immunologische Stärkung erfährt jeder Mensch durch die Aufnahme von Sonnenlicht und aktive Bewegung. So sollten pädagogisch die Sommermonate soweit wie möglich von KiTas, Kindergärten und Schulen für den Aufenthalt und Unterricht im Freien genutzt werden. Medizinisch sind Aufenthalte im frischer Luft und im Sonnenlicht sicherer als in geschlossenen Räumen, die regelmäßig gründlich gelüftet werden sollten. Aktuell ist die Erfahrung und das Verständnis des Lebendigen wichtiger denn je. Gleiches gilt für ein angemessenes Mitgefühl für die Tierwelt, die künftig sehr viel mehr vor Leid und Ausbeutung geschützt werden muss, soll sich eine Pandemie wie COVID-19 nicht schon bald wiederholen. So bietet der Gang ins Freie auch wertvolle Chancen. Spiel und Wanderungen in der Natur können seelisch zum Ausgleich und zur Gesundung beitragen. COVID 19 ruft hier in den nächsten Monaten zu einer entsprechenden Veränderung und Anpassung der Pädagogik auf. Eltern haben in den letzten Monaten sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Einige waren selbst von der Erkrankung betroffen oder haben Angehörige, Freunde oder Bekannte verloren. Isolation und Überforderung haben manche familiäre Situation sehr belastet, während andere auch die Chance nutzen konnten, in ungewöhnlichem Maß als Familie, als Vater, als Mutter mit den Kindern die Zeit gemeinsam zu gestalten.

 

Dialog der Erwachsenen

Für die Überwindung der Krise wird es entscheidend sein, dass Pädagogen und Eltern in gutem, möglichst offenen und angstfreien Dialog zusammenarbeiten. Diese Zusammenarbeit wirkt sich unmittelbar auf die Gesundheit der Kinder aus. Entsprechende Elternabende können ggf. vorübergehend auch als Videokonferenz stattfinden. Darüber hinaus ist das individuelle Elterngespräch sehr wichtig, um sichtbar zu machen, wo negative Folgen des Lockdowns eingetreten sind und einer entsprechenden Zuwendung bedürfen.
Gesundheitsentwicklung ist seit ihrer Begründung ein oberstes Ziel der Waldorfpädagogik. Es bedarf der Zusammenarbeit, auch der pädagogisch-therapeutischen Kooperation. Dann kann die Herausforderung der Corona-Krise im Sinne einer gegenseitigen Stärkung und Wertschätzung gemeistert werden, die alle einschließt, denen das Wohl der Kinder ein Herzensanliegen ist.

Der Lockdown der Schulen und Kindergärten war für viele Familien eine unerwartete Chance, viel mehr Zeit füreinander zu haben. Wer genug Platz in der Wohnung, vielleicht sogar einen Garten und keine existenziellen Sorgen hatte, konnte das für eine gewisse Zeit genießen. Für viele Eltern bedeutet das aber, dass sie rund um die Uhr auf beengtem Raum das Familienleben organisieren, Home-Office erledigen und den Kindern bei den Aufgaben, die sie von ihren Schulen gestellt bekommen, helfen müssen, oftmals verbunden mit einer wachsenden wirtschaftlichen Not. Auch wenn wir uns im Folgenden auf das Lernen der Kinder beziehen, sind das Belastungen, die dringend danach rufen, den Kindern so bald wie möglich wieder einen regelmäßigen Zugang zu ihren Kitas und Schulen zu ermöglichen.

 

Lernen ist ein Resonanzgeschehen

Echtes Lernen ist ein äußerst vielschichtiger Prozess, ein Resonanzgeschehen, welches das ganze Spektrum seelischer Tätigkeiten umfasst, also das eigene Handeln ebenso braucht wie eine vom Fühlen getragene Beziehung zu dem, worum es geht und schließlich die gedankliche Verarbeitung des Erfahrenen. Das gilt für alle Altersstufen, vom Kleinkind bis zum Greis – und es äußert sich jeweils ganz anders bei kleinen Kindern als bei Zehnjährigen, in der Pubertät oder bei älteren Jugendlichen. Immer geht es um Begegnung: Begegnung mit der unendlich vielfältigen Welt, über das Krabbeln und mit allen Sinnen, mit dem eigenen Körper und mit anderen Menschen, ohne die kein Kind sich aufrichten oder sprechen lernen würde, mit dem Staunen und der Phantasie, die als erste Lehrerin des Denkens Beziehungen zwischen den Erscheinungen stiftet. Je älter die Schüler:innen werden, umso differenzierter können sie diese Erfahrungen selber steuern, aber auch bei ihnen ist Lernen ein Begegnungserlebnis.

Die Schulschließungen haben dem digitalen Lernen zu einem unerwarteten Durchbruch verholfen. So hilfreich das für den Austausch von Informationen zweifellos ist, kann es das wichtigste Element des Lernens nicht ersetzen: Es bleibt ein Austausch von Kopf zu Kopf, der Gefahr läuft, die Begegnung von Mensch zu Mensch zu verlieren, von der Körpersprache über mimische Nuancen bis zu den Bewegungen beim Sprechen oder Zuhören, durch die sich die persönliche Beziehung zu den Informationen erst vermitteln kann.

Wenn das passiert, bleibt vom Lernen nur der letzte Schritt – die reproduzierbare Information – übrig, was das Gegenteil einer selbstständigen Lernerfahrung ist. Die folgenden Anregungen sollen helfen, diese Einseitigkeit zumindest teilweise auszugleichen. Dessen ungeachtet sprechen wir uns nachdrücklich dafür aus, dass die Kontaktbeschränkungen in Schulen und Kindergärten nur absolut notwendige Maßnahmen umfassen und nur Rahmenrichtlinien festgelegen, die vor Ort mit den jeweils dort gegebenen Möglichkeiten umgesetzt werden.

 

Begegnung

Auch wenn die Kinder nicht in ihre Klassen kommen können, ist der direkte Kontakt mit ihren Lehrer:innen wichtig. Auf der „Corona“-Seite des BdFWS1 sind verschiedene Tools für Online-Konferenzen aufgeführt, die helfen, den Kontakt aufrechtzuerhalten. Entscheidend ist, dass die Schüler:innen ihre Lehrer:innen zu festgelegten Zeiten telefonisch erreichen können, um sie unmittelbar anzusprechen und sich einzeln wahrgenommen zu wissen. Grundsätzlich können alle technischen Hilfsmittel sinnvoll eingesetzt werden, sofern sie durch persönliche Begegnungen ergänzt werden.

 

Kontinuität

Ein wesentliches Element der Waldorfpädagogik ist der Gang von willensgeführter Aufmerksamkeit – je nach Reife der Kinder zunächst mit vielen Bewegungen und allen Sinnen, später zunehmend durch die Konzentration auf das zur Rede stehende Thema – über die ästhetische Bearbeitung und Reflektion des Erfahrenen bis zur möglichst selbstständigen Formulierung der gewonnen Erkenntnisse und Urteile.

Diese Methode lässt sich auch anwenden, wenn die Kinder zuhause unterrichtet werden oder nur in wechselnden Kleingruppen zur Schule kommen können: Zuerst bekommen die Schüler:innen Aufgaben gestellt, die sie möglichst vielseitig fordern und eigene Tätigkeit benötigen und am Folgetag kann in einem Gruppengespräch – live oder per Videokonferenz – an der Begriffsbildung gearbeitet werden. Das lässt sich im Wesentlichen für alle Altersgruppen durchführen, verlangt aber eine sehr gut aufeinander abgestimmte Planung des Unterrichts innerhalb der Klassenteams.

 

Kollegiale Zusammenarbeit

Schon im normalen Schulbetrieb führt ein enger kollegialer Austausch zu einer ökonomischen Unterrichtsplanung, zur besseren Wahrnehmung der Schüler:innen und zu einem interessanteren Unterricht, weil unnötige Redundanzen zugunsten koordinierter Wiederholungen wegfallen.

In Zeiten des „social distancing“ wird das noch wichtiger, um den inneren Zusammenhalt sicherzustellen. Deshalb sollten regelmäßig Konferenzen, klassenbezogen, fachbezogen oder schulbezogen, stattfinden.

1 http://waldorfschule.de/service/corona-faq/

 

Phantasie

Mit am wichtigsten ist, dass nicht starre Lehrpläne, sondern die Lust am Entdecken das Unterrichtsgeschehen und die Anregungen der Lehrer:innen leiten. Wir leben in einer Ausnahmesituation, die zugleich eine wunderbare Gelegenheit ist, neue Wege zu entdecken, alte Zöpfe abzuschneiden und darüber nachzudenken, worum es beim Lernen überhaupt geht.

Für alles, was jetzt geschieht, sollte eine Maxime Johann Wolfgang von Goethes gelten:
„Welche Regierung die Beste sey? Diejenige, die uns lehrt, uns selbst zu regieren!“

Das allerdings müssen wir dann auch wollen.

Henning Kullak-Ublick und Georg Soldner